Ordination Dr. Kubanda

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Postmoderne Punktion
Arztpraxis in einem Wohnbau der 1940er Jahre

Im Innsbrucker Ortsteil Pradl herrschte Anfang der 1940er Jahre rege Bautätigkeit. Hunderte Wohnungen wurden in dem südwestlich der Sill gelegenen Quartier errichtet, vor allem im Rahmen der sogenannten „Südtiroler Sonderaktion“ des nationalsozialistischen Regimes. Zur selben Zeit entstand an der Prinz-Eugen-Straße eine lange, geschlossene Zeile von Wohnhäusern mit 140 Wohnungen für Reichsbedienstete mit Geschäftslokalen und einer Poststelle im Erdgeschoß. Nach dem Zweiten Weltkrieg im Besitz des Bundes, wurden die Wohn- und Geschäftsflächen ab 2012 durch die BUWOG verkauft. Die Arztpraxis, die Helga Flotzinger in einem der ehemaligen Ladenlokale eingerichtet hat, zeugt von den sich ändernden Verhältnissen: Damals Stadtrand, ist die Gegend heute beliebter Wohnstandort nah am Zentrum, es wird saniert, erweitert und verdichtet, die Bevölkerung wächst von Jahr zu Jahr. Der Architektin ist es gelungen, dem schweren Nazi-Bauwerk aus gestocktem Beton und braunem Putz eine gezielte Injektion moderner Leichtigkeit und Frische zu verpassen. Die transparente, offene Architektur wirkt als vitales Zeichen ins gesamte Viertel.

Außen: Bricolage
Zwischen dem städtisch belebten Raum an der stark frequentierten Straße und dem Inneren der Praxis wurde mit feinen Linien ein einladendes Entree formuliert. Es erinnert an die luftige Eleganz eines Segelboots – weiße Brüstungsholme begleiten Rampe und Podest, über dem Eingang schwebt ein schmal profiliertes Blechdach wie aus Segeltuch, zwei große runde Fensterscheiben sitzen als Bullaugen in der Tür. Helga Flotzinger schätzt die postmoderne Freiheit, zu erzählen, Geschichtlichkeit zu zeigen, kombiniert Materialien und Formen in lustvoller Bricolage. Nach dieser Methode wurde auch innen gearbeitet: Die Architektin entwickelte ein modulares Möbelkonzept aus Kisten, um das vielfältige Inventar der Kassenpraxis mit zwei Ordinationen, Therapie- und Personalraum auf äußerst beschränkter Grundfläche möglichst platzsparend unterzubringen. Durch Stapeln, Überlappen und Ineinanderschieben der einzelnen Elemente wurde einerseits ein Raum im Raum geschaffen, der die Funktionen von Eingang, Garderobe, Anmeldung und Warteraum als vielseitiger Alleskönner effizient im Grundriss organisiert, andererseits entstanden maßgeschneiderte Stauräume für das bunte medizinische Instrumentarium. Vom EKG über den Handtuchspender bis zum Spritzenabwurf verschwinden alle Geräte und Behälter von groß bis klein in der Möblierung. Das bringt Ordnung in das dicht gepackte Arrangement und optimiert die Arbeitsabläufe.

Innen: Raumwunder
An der Oberfläche zeigt sich nichts als das durchgängige Furnierbild des Kiefersperrholzes, zart kontrastiert vom Weiß der Schichtstoffplatten, die für Arbeitsflächen, Tische und einige Stauelemente in großer handwerklicher Präzision verbaut wurden. Dass sich trotz des komplexen Raumprogramms eine Atmosphäre der Ruhe, trotz des gedrängten Grundrisses ein Gefühl der Weite einstellt, ist der sorgsam durchdachten und strikt umgesetzten Gestaltung des „Luftraums“ zu verdanken. Alle geschlossenen Wandteile und die Möblierung enden auf Niveau zwei Meter zwanzig. Darüber bieten schalldicht angeschlossene Oberlichten und eine von Abhängungen oder Installationen gänzlich freigeräumte Decke Licht und Sicht. So wird der Raum der Praxis in gesamter Tiefe bis zur Gartenseite und in voller Höhe spürbar. Das strenge Raster aus 38 Kugelleuchten kommt dieser Intention entgegen. Innen schafft es Regelmäßigkeit und verbreitet einen Hauch klassisch-moderner Eleganz, nach draußen in den Raum der Stadt strahlt das Lichtensemble als freundliches Signet.

 

 

 



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